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Gross und Klein sitzen erwartungsvoll im dunklen Kirchenschiff. Ein Zischeln rauscht ins alte Gemäuer, die Lunte glüht und eine gleissende Flamme faucht entlang des mucksmäuschenstillen Mittelgangs nach vorne. Dort entzündet sich mit einem tänzelnden Flirren der Lichterbaum.

 

Ein «Weihnachtsbaum-Potpourri» über Sinn und Unsinn des Tannennadelkultes

So beginnen immer mehr Kirchgemeinden ihre Christnachtfeier am frühen Heiligabend. Für diesen Moment steht der Christbaum im Zentrum der Aufmerksamkeit des Kirchenvolkes, bevor er danach nur noch beim stillen Staunen bewundert wird. Denn im Grunde hat der Weihnachtsbaum keine andere Aufgabe im Gottesdienst, als durch seine Anwesenheit in seinem weihnachtlichen Schmuck die weihnachtliche Stimmung in den Weihnachtsgottesdiensten zu unterstreichen. Ausser, dass ein solcher Weihnachtsbaum in der Kirche steht, jemand darunter vielleicht eine Krippe platziert hat und jemand im Gottesdienst etwas über die christliche Symbolik des Weihnachtsbaumes erzählt, unterscheidet den Weihnachtsbaum in der Kirche kaum etwas von den vielen anderen Weihnachtsbäumen in den Läden, den Strassen, den Fenstern, den Vorgärten, den Wohnzimmern oder dem auf dem Baukran. Er ist ein Kultobjekt, mit dem viele Menschen Land und Haus um die Wintersonnenwende herum dekorieren.

Des Baumes Wurzeln

Freilich erkennen manche in all diesen Weihnachtsbäumen den eigent-lichen Weihnachtsbaum – nämlich «Christ»baum – aber der Ursprung des Christbaumkultes lässt sich nicht genau bestimmen. Im christlich geprägten Westeuropa setzte sich der Christbaum im Verlauf des 19. Jahrhunderts im öffentlichen und privaten Raum gegen die Krippen durch. Seine zentrale Rolle spielte er damals im bürgerlichen, vom Biedermeier geprägten Familienbrauchtum. In der häuslichen Familienweihnachtsfeier durften die Kinder erst am Abend den geschmückten Baum mit den Geschenken darunter sehen. Es bil-deten sich Bräuche aus zum Anzünden und zum Auslöschen der Kerzen oder bis hin zur feierlichen Entsorgung des Baumes. Dazu wurden bekannte Weihnachtslieder gesungen. Auch heute markiert zum Beispiel manchenorts das Lied «O Tannenbaum» noch den Übergang von der christlichen Hausfeier hin zum geselligeren Teil des Abends mit Bescherung und Festessen.

Pflanzen und Bäume spielen im Brauchtum fast jeder Religion und Kultur eine bedeutende Rolle. Oftmals sind die Bäume dabei spiritueller Sitz von Ahnen und Verstorbenen. Die besungenen immergrünen «Blätter» der Tannen können schlechthin als Symbol des Lebens und die steten Erneuerungskreisläufe der Natur interpretiert werden. Die Symbolik variiert entsprechend und verändert sich im Laufe der Zeit je nach Ort und Gesinnung. So erscheint der Weihnachtsbaum zum Beispiel im nationalsozialistischen Deutschland plötzlich als Julbaum und trug eben auch in der DDR winterlichen Schmuck und Spielzeug.

Christliche Bedeutungen

Die Wurzeln des Christbaumes sehen manche Wissenschaftler im Apfelbaum der mittelalterlichen Paradiesspiele. Die damalige Rolle des Baums spielt an den Baum der Erkenntnis und den Baum des Lebens der biblischen Schöpfungsgeschichte an. In diesem Zusammenhang sind bereits um 1600 Bäume mit Lichterschmuck dokumentiert.

Eine Bedeutung im Sinne eines Stammbaumes liegt in der Verknüpfung des Baums mit der «Wurzel Jesse» aus dem Buch des Propheten Jesaia und dem Römerbrief. Bereits 1480 soll in Strassburg der Stern auf der Spitze des Weihnachtsbaumes Jesus Christus, den Nachfahren Davids, symbolisiert haben.

Als Stamm des Kreuzes betrachtet, an dem Jesus Christus den Tod überwunden hat, erhält der immergrüne, tannene Weihnachtsbaum nebst der ans Osterlicht erinnernden Lichtsymbolik, eine weitere Deutung auf Jesus Christus hin.

Nachdem der Weihnachtsbaumschmuck bis Ende des 19. Jahrhunderts vorwiegend aus Süssem, Früchten, Backwaren oder Figuren aus Glas, Holz, Zinn, Messing, Blei, Wachs und anderem bestand, verliehen die Erfindungen von Paraffin und Stearin sowie des elektrischen Lichts dem Weihnachtsbaum neuen, für die breitere Bevölkerung zugänglichen Lichterglanz. Dieser unterstützt nicht zuletzt die Rede von Jesus Christus als Licht der Welt, das als Kind in die Finsternis geboren wurde, um die Welt zu erhellen.

Zu einem Symbol für den Glauben wurde schliesslich der Christbaum im Lied «Der Christbaum ist der schönste Baum». Es stammt aus der Feder des 1887 verstorbenen Johannes Karl und entspricht ganz einer biedermeierlichen, nach innen gekehrten, geradezu mystischen Frömmigkeit. Der Baum symbolisiert darin die Geburt Christi, mit welcher der Erlöser einen Wunderbaum des Glaubens in das Herz des Kindes pflanzte:

«Der Christbaum ist der schönste Baum,
den wir auf Erden kennen. 
Im Garten klein, im engsten Raum,
wie lieblich blüht der Wunderbaum,
wenn seine Lichter brennen, 
wenn seine Lichter brennen, 
ja brennen!

Denn sieh’, in dieser Wundernacht 
ist einst der Herr geboren, 
der Heiland, der uns selig macht.
Hätt’ er den Himmel nicht gebracht,
wär’ alle Welt verloren, 
wär' alle Welt verloren, 
verloren.

Doch nun ist Freud’ und Seligkeit,
ist jede Nacht voll Kerzen.
Auch dir, mein Kind, ist das bereit’t;
dein Jesus schenkt dir alles heut’,
gern wohnt er dir im Herzen,
gern wohnt er dir im Herzen, 
im Herzen.

O lass ihn ein! Es ist kein Traum,
er wählt dein Herz zum Garten,
will pflanzen in den engen Raum
den allerschönsten Wunderbaum
und seiner treulich warten,
und seiner treulich warten, 
ja warten!»

O Tannenbaum, o Tannenbaum, was ist aus dir geworden?

Von solchen Klängen weit entfernt, erscheinen heute die Wälder von Weihnachtsbäumen in Kaufhäusern und Schaufenstern, auf Dächern und in den Gärten von Privathäusern oder auf öffentlichen Plätzen wie auch der Kirchen. Im Verbund mit einer reichen Bescherung ist der Weihnachtsbaum ein Symbol für den Konsum und die Finanzstärke von Privaten und öffentlichen Institutionen geworden.

Seine grosse Verbreitung ruft nicht zuletzt auch die Naturschützer auf den Plan, die im Weihnachtsbaumkult ein Symbol für die Ausbeutung der Natur erkennen. Während anderseits die Naturverliebten auf echte Tannen statt auf Plastikbäumchen und auf echte Kerzen statt auf elektrische Lichterkette schwören. Für eher ängstliche Gemüter ist so eine Tanne mit echten Kerzen freilich ein Symbol der Brandgefahr und für den Denkmalschutz ist der Russ desselben in historischen Kirchen ein bedrohliches Symbol für den schleichenden Untergang des Kulturerbes. Alles in allem mögen multikulturell eingestellte Zeitgenossen im Weihnachtsbaum sogar ein Symbol erkennen, das trotz der verschiedenen und vielgestaltigen Sichtweisen und Interpretationen unterschiedliche Kulturen und Bevölkerungsschichten miteinander verbindet.

Er gehört einfach dazu

Nichtsdestotrotz würde deshalb in den Gassen und Häusern etwas fehlen, wenn der Weihnachtsbaum etwa aufgrund seiner symbolträchtigen, aber auch schier sinnkrisenhaften Tradition fehlen würde. Ist es wegen der gewohnten Omnipräsenz des Weihnachtsbaumes oder wegen den persönlichen Erinnerungen, die jeder und jede an den Weihnachtsbaum hat? Oder ist es, weil die Tanne still und ruhig fest steht, fest verwurzelt ihre Zweige ausbreitet, unter denen man Schutz vor schlechtem Wetter finden könnte? So glänzend und leuchtend gegenwärtige Christbaumfeiern sich gestalten, so kultig ist der Baum im Nadelgewand. Und als schnellwachsende, erneuerbare Ressource wird er es wohl auch noch lange bleiben.

Pfarrer Lenz Kirchhofer

 
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